Fahrt zur Gedenkstätte Flossenbürg

Eindrücke von Chaim Frank

Am 22. April 2018 lud die Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition e.V. in Kooperation mit der Stiftung Bayerische Gedenkstätten zu einer Tagesfahrt zur KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ein.

Es war – bei strahlendem Wetter – eine bewegende Bus-Fahrt von München nach Flossenbürg. Nachdem der Gemeinde-Rabbiner Brodman, dessen Gattin ebenfalls teilnahm, mit dem „T’filat ha-Derech“ (Gebet der Landreise) die Reise gesegnet hatte, konnten die Teilnehmer aus München gewiss sein, den Ausflug in sicheren Händen zu wissen.
„Der Mensch denkt … G’t lenkt“, heißt ein bekanntes Sprichwort, aber an diesem Tag ‚lenkte‘ auch ein tüchtiger Fahrer, Herr Hoffmann, der überdies auch noch während der Fahrt lustige Anekdoten zu berichten wusste, den vollen Bus.

Frau Ilse Snopkowski, die den Tagesausflug organisiert hatte, informierte während der dreistündigen Busfahrt ausführlich über die Geschichte der Gedenkstätte, in der dank des Engagements ihres Mannes, dem ehemaligen Präsident des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Dr. Simon Snopkowsi sel. A, seit 1994 auch eine jüdische Gedenkstätte errichtet worden war. Sie kam in Begleitung ihres Sohnes Dr. Peter Snopkowski. Großer Dank gilt auch Frau Anat Rajber, die sich den ganzen Tag über liebevoll um die Reisegruppe kümmerte!

In der Gedenkstätte angekommen, wurde die Münchner Gruppe durch Herrn Peter Liszt, den Mitarbeiter der Gedenkstätte, begrüßt und über den Verlauf der Gedenkfeier informiert.

Im Anschluss ging man gemeinsam zum Gedenkakt in der jüdischen Gedenkstätte, wo Frau Snopkowski eine kleine Ansprache hielt und Teilnehmer auch aus anderen Gemeinden begrüßte. Herr Rabbiner David Goldberg, von der Israelitischen Kultusgemeinde Hof, trug das „El Mole Rachamim“ in ergreifender Weise vor. Gemeinsam wurde auch das Kaddisch für die Ermordeten gebetet. Nach dem Entzünden der Seelen-Lichter und einer Schweigeminute kam es zu einem unvergesslichen Moment, als ein hochbetagter jüdischer Überlebender das Wort ergriff. In feinem Jiddisch berichtete er über seine Erlebnisse im KZ Flossenbürg und ermahnte die Teilnehmer eindringlich, stets die Gedanken an und die Liebe zu Israel als einzige Heimstätte der Juden wach zu halten.

Gegen Mittag gab es einen Imbiss, bei dem es neben erfrischenden Getränken auch ein feines vegetarisches Buffet gab.

Nach der Stärkung besuchte die Gruppe die ständige Ausstellung der Gedenkstätte in Begleitung von Herrn Peter Liszt, der zu den gezeigten Objekten des Museums erklärende Informationen lieferte.

Im Anschluss daran nahmen die Teilnehmer die für sie reservierten Plätze im Veranstaltungszelt ein, und um 14 Uhr begann die Gedenkfeier zum 73. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg, welche mit einer Fanfare durch die Ehrenkompanie der polnischen Armee eröffnet wurde.

Danach sprach Dr. Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, die Begrüßungsworte. „Es gibt keinen Überdruss an der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus, sondern ein ungebrochenes, ja sogar deutlich ansteigendes Interesse.“, sagte er und hob in seiner Rede u.a. auch das große Engagement der Gedenkarbeit der Jugend hervor. Nach ihm traten die Vertreter der Internationalen Jugendbegegnung ans Mikrophon und berichteten jeweils in ihrer Muttersprache über ihre Eindrücke.
Karl Freller, der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, erinnerte in seiner Rede an die schrecklichen Greueltaten der Nazis und an das unsägliche Leid der hier inhaftierten und ermordeten Menschen.
Den Höhepunkt der Gedenk-Veranstaltung bildete die aussagekräftige Rede des neuen Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, Dr. Markus Söder. „Wir werden den Standort Flossenbürg und die Gedenkstätte weiterentwickeln“, versprach Söder zum Abschluss seiner Ansprache.
Ergreifend waren die Worte von Helen Albert und Sarah Champness, der aus USA angereisten Tochter und Enkelin von Oscar Albert, einem 2012 verstorbenen Überlebenden dieses KZs.

„Mein Vater sprach niemals über den Krieg und wir, seine Kinder, drängten ihn auch nicht dazu.“, sagte Helen Albert, und das war bei etlichen Familien der anwesenden Zuhörer bestimmt ebenfalls so. Die Tochter erzählte, dass sie erst kurz vor dem Tod des Vaters eine Schachtel mit Dokumenten entdeckte, in denen sein Leidensweg durch fünf Lager und der Todesmarsch auf dem Weg zum sechsten, dem KZ Dachau, dokumentiert wurden. Mit bewegter Stimme mahnte sie: „C’est le devoir de mémoire – Es ist unsere Pflicht zu erinnern. Chovar Lizchor – wir müssen uns erinnern….“
Auch Sarah Champness, die nach ihrer Mutter das Wort ergriff, schloss ihre Rede mit: „Wir alle tragen die Verantwortung dafür, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Ich habe mich dieser Aufgabe verschrieben, damit die Welt die Namen meines Großvaters, meiner Großmutter, meiner Urgroßeltern, Großonkeln und Großtanten nicht vergisst. Sie sollen nicht umsonst, ohne Sinn verstorben sein.“

Die Gedenkfeier wurde durch das Weidener Blechbläser-Ensemble musikalisch umrahmt.

Im Anschluss begaben sich die Anwesenden zur Kranzniederlegung am Platz der Nationen, zu der 15 ehemalige Häftlinge aus Polen, der Ukraine, Italien, Belgien, Israel, Slowenien, Österreich, Deutschland, Tschechien, Großbritannien, USA und Schweden anreisten, viele von ihnen in Begleitung ihrer Kinder und Enkelkinder.
Jugendliche Angehörige, die den feierlichen Trauerzug anführten, trugen die Kränze, die seit dem Vormittag vor den Fahnen der hier inhaftierten Nationen aufgereiht standen, hinunter ins Gelände des so genannten „Tal des Todes“ und legten sie auf die einzelnen Gedenkplatten. Während des ganzen Trauerzugs ertönten rhythmische Trommelwirbel der Ehrenkompanie der polnischen Armee, die mit dem Taps, dem amerikanischen Trompetensignal, endeten.
Am Ende des feierlichen Gedenkakts rief Dr. Leon Weintraub, einer der Überlebenden alle zu einer Schweigeminute auf, nachdem alle Würdenträger, Angehörigen der amerikanischen und auch der polnischen Armee sowie alle anderen Teilnehmer die an diesem Gedenktag unten am Platz der Nationen angekommen waren.

Die Begegnung mit den vielen Jugendlichen an solchen Gedenktagen macht Mut und Hoffnung und verweist auf die unvergesslichen Worte von Max Mannheimer: „Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

Tief bewegt ging man wieder zurück, hinauf in Richtung Appellplatz, auf halber Höhe vorbei am Denkmal der jüdischen Opfer, an welchem zwei Blumenkränze lagen. Der eine oder die andere verweilte in stiller Andacht vor der jüdischen Gedenkstätte des Lagers, vor der seitlich unbeschriftete Grabsteine stehen.

Um 16.00 Uhr trat die Münchner Gruppe die Rückfahrt an, und alle bewunderten die große Energie von Frau Snopkowski, die trotz ihres hohen Alters die Strapazen des Tages eisern durchhielt.
Alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen, sowohl jüdische als auch nichtjüdische, waren von dieser Tagesreise beeindruckt. Auch wenn es die Zeit nicht mehr zuließ, die Synagoge von Floß zu besichtigen, so war es der allgemeine Wunsch der Gruppe, in naher Zukunft gemeinsam weitere Fahrten, vor allem zu den bayrischen „Schtetls“ zu machen, um die zum Teil fast unbekannte Geschichte des Landjudentums kennen zu lernen.

Jedenfalls ist es der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition e.V. und insbesondere deren Ehrenpräsidentin, Frau Ilse Ruth Snopkowski, zu verdanken, dass diese Tagesfahrt überhaupt zustande kam.

Chaim Frank

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